Der Feind der Angst ist das Wissen

Schuldgefühle sind Energiefresser. Wir müssten sie nicht haben, wenn wir wüssten, was Sache ist.

Kein anderes Gefühl bindet uns so sehr und kostet uns so viel Energie wie ein Schuldgefühl.

Zwischen Schuld und Schuldgefühl besteht ein grosser Unterschied. Eine Schuld ist real: Du hast etwas getan, das nicht in Ordnung ist.

Ein Schuldgefühl ist erst einmal nur ein Gefühl, und Gefühle macht man sich immer selbst. Erst die Überprüfung der Fakten kann klären, ob eine Schuld besteht.

Und dann gibt es noch das schlechte Gewissen. Es ist immer das Kindliche. So haben wir als Kinder empfunden, wenn wir uns nicht so verhielten, wie es von uns erwartet wurde. (Was nicht heisst, dass unser Verhalten nicht in Ordnung war. Es war nur einfach nicht konform mit den Wertvorstellungen unseres Umfelds.)

Ob du dir wirklich eine Schuld aufgeladen hast oder dich von einem Schuldgefühl quälen lässt, für das  es keine reale Grundlage gibt, findest du heraus, indem du folgende Fragen beantwortest:

  • Was ist passiert?
  • Ist es in Ordnung?

Wenn es in Ordnung ist, dann trifft dich keine Schuld. «In Ordnung sein» bedeutet nicht, dass alle Beteiligten einschliesslich du selbst es gut finden. Doch es ist in Ordnung, weil die systemischen Gesetze eingehalten wurden. Was heisst das jetzt?

Die Eltern haben die Pflicht, für ordentliche Verhältnisse zu sorgen. Vorbild ist die Natur: Sie schaut immer auf die nächste Generation.

Szenario 1: Was ist passiert? Eva ist allein erziehende Mutter von Benjamin, 10 Jahre. Adam, der Vater, hat sie mit dem Kind sitzen lassen. Eva arbeitet Vollzeit und rackert sich ab, um sich und ihren Sohn durchzubringen. Abends ist sie oft so kaputt, dass sie einfach keine Energie mehr hat, um noch mit Benjamin Schularbeiten zu machen, Windlichter zu basteln oder sich um die Bügelwäsche zu kümmern. Eva tut, was sie kann, und mehr geht einfach nicht. Eva liebt ihren Sohn. Obwohl das Geld oft knapp ist, hat Benjamin es sauber und warm, bekommt genug zu essen und lebt in stabilen Verhältnissen. Dennoch hat Eva oft Schuldgefühle, weil sie findet, sie müsste mehr Zeit für Benjamin haben und eine bessere Hausfrau sein.

Ist es in Ordnung? Ja, denn die Eltern haben die Pflicht, für ordentliche Verhältnisse zu sorgen. Vorbild ist die Natur: Sie schaut immer auf die nächste Generation. Das Kind, der Nachwuchs, soll Kind sein dürfen. Es soll in Sicherheit sein, damit es gut weitergeht. Eva tut ihr Möglichstes für Benjamin. Wenn sie trotzdem Schuldgefühle hat, lohnt es sich herauszufinden, woher sie kommen und wohin sie gehören.

Was zwischen den Erwachsenen ist, müssen diese miteinander klären. Wer das Kind mit hineinzieht, macht sich schuldig.

Szenario 2: Was ist passiert? Eva und Adam haben einen vierjährigen Sohn, Benjamin. Sie streiten viel und geben sich gegenseitig die Schuld dafür, dass es in der Ehe nicht gut läuft. Benjamin ist ein kränkliches Kind und hat Angst, alleine in seinem Zimmer zu schlafen. Meistens schläft er im Ehebett zwischen Mama und Papa. Adam gefällt das nicht, denn es hält ihn vom Sex mit Eva ab. Eva gefällt das sehr, denn sie will mit Adam keinen Sex. Sie benutzt Benjamin als Puffer, um sich nicht mit ihrem Mann einlassen zu müssen. Ihr ist es recht, wenn Benjamin zwischen ihnen liegt, und der Kleine tut ihr den Gefallen, weil er spürt, was seine Mutter will, auch ohne dass sie es ausspricht. So kann sie vorschützen, nur das Beste für ihr Kind zu wollen, und vermeidet Konflikte mit Adam.

Ist es in Ordnung? Nein, denn Eva begeht einen Missbrauch an ihrem Kind und lädt sich damit eine Schuld auf. Was zwischen ihr und Adam ist, müssten diese beiden miteinander klären. Mit Benjamin hat das nichts zu tun.

Absichten und Fakten klären

Der Unterschied zwischen den beiden Beispielen wird auch klar, wenn man nach der Absicht fragt. Eva 1 will das Beste für ihren Sohn und reisst sich ein Bein für ihn aus, damit er es gut hat. Eva 2 handelt aus egoistischen Motiven. Es ist wichtig zu prüfen, mit welcher Haltung man etwas tut.

In der systemischen Arbeit schaffen wir Ordnung, klären Rollen und dröseln auf, was Sache ist. Was ist passiert? Ist es in Ordnung? Was ist die Wirklichkeit?

Der Feind der Angst ist das Wissen. Und durch Klarheit gewinnt man Kraft.

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