Arschengel

Es gibt sie, und sie leben mitten unter uns. Spieglein, Spieglein.

Wenn es dich nervt, dann hat es was mit dir zu tun. Ein Mensch, der dich aufregt, den du peinlich oder daneben findest, spiegelt dir höchstwahrscheinlich einen Aspekt deines Wesens, zu dem du nicht einmal im Dunkeln stehen kannst.

Wir haben die verblüffende Fähigkeit, sogar unsere Schattenseiten als etwas darzustellen, das uns letztlich in ein gutes Licht rückt. Gemeint ist das, was wir für unsere Schattenseiten halten – zum Beispiel Ungeduld = «ich bin speditiv und effizient», Perfektionismus = «ich bin gern gründlich» oder Unordnung = «ich bin halt ein kreativer Mensch». Solches und ähnliches sagen Leute in Interviews, wenn sie gefragt werden, was sie an sich nicht mögen. (Bescheuerte Frage, aber trotzdem.)

Die Psychologin Verena Kast spricht von einem «Vorzeigeschatten», den man sich zulegt, weil es heutzutage zum guten Ton gehört, dass man zu seinen Fehlern steht und ein bisschen Selbstreflexion übt, so lange es nicht weh tut. Der Vorzeigeschatten ist dann zum Beispiel ein Schattenaspekt, der einem nicht allzu peinlich ist, und zu dem man in der Öffentlichkeit stehen kann, ohne rot zu werden.

«Human beings are good, they have shadow, every single one of us has redeeming qualities and every single one has qualities that people hold against us. That’s what makes us human.» Matt Bomer

Im privaten Rahmen ist man vielleicht eher gewillt, in Abgründe zu schauen, doch auch da bleibt der Blick meist schon am erstbesten Makel hängen, und man gesteht zerknirscht, dass man ab und zu schlecht über andere spricht, ein bisschen rechthaberisch ist oder schlecht verlieren kann. Ans Eingemachte geht es selten, aus gutem Grund: Unser Schatten, das sind nicht einfach unsere schlechten Angewohnheiten. Das ist die unbequeme andere Hälfte unseres Selbst. Das sind Aspekte, die uns so peinlich sind und die wir so verabscheuungswürdig finden, dass nicht einmal wir selbst sie kennen dürfen, geschweige denn ein anderer.

Diese Aspekte spiegeln uns die Arschengel. Die Menschen, die uns auf die Nerven gehen, die wir unausstehlich finden, die wir hassen, manchmal ohne besonderen Grund. Auf sie projizieren wir unsere eigenen Schattenaspekte. In ihnen sehen wir, was wir in uns selbst nicht sehen dürfen, weil es einfach undenkbar ist, dass wir so wie die sind.

Arschengel weisen uns auf diese Schattenaspekte hin, die wir anders gar nicht erkennen könnten. Wir sollten ihnen dankbar sein, jedes verdammte Mal, wenn uns einer von ihnen aufregt.

«Wenn eine innere Situation nicht bewusst gemacht wird, erscheint sie im Außen als Schicksal.» C.G. Jung

Schatten ist immer das, was wir nicht mögen. Schattenarbeit ist die Beschäftigung mit den eigenen Schattenaspekten. Ins Licht geholt, verlieren sie ihre destruktive Kraft – und ihren Schrecken. Sie werden dann zu einer Quelle der Lebendigkeit, zu einer vitalisierenden Kraft. Sie geben uns Konturen, schärfen unser Profil und machen uns interessant.

Es geht nicht darum, dass wir Schattenseiten ausleben und uns aufführen wie Rumpelstilzchen in Disneyland. Es geht darum zu akzeptieren, dass die Schatten in uns sind. Das nennt man Schattenakzeptanz. Denn was nicht in uns sein darf, bleibt bei uns – als das Dunkle, Unheimliche, Unberechenbare, das uns im Nacken sitzt und auf den Füssen steht, das uns Energie kostet und uns von unserer authentischen Kraft abschneidet.

Der Schatten, den man wahrnimmt und akzeptiert, verliert sein zerstörerisches Potenzial und entwickelt sich zur subversiven Lebenskraft. Nach C.G. Jung hätte ein «schattenbewusstes Leben» auch zur Folge, dass Menschen anders, nämlich weniger destruktiv, miteinander umgehen würden.

Lektüre

Verena Kast: Der Schatten in uns
Debbie Ford: Schattenarbeit. Wachstum durch die Integration unserer dunklen Seite
Maja Storch: Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann

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