Die grosse Sehnsucht nach dem WIR

Der Wunsch nach Zugehörigkeit beeinflusst unser Leben – und kostet uns das Rückgrat.

Zugehörigkeit, Ordnung, Ausgleich: Diese drei Grundkräfte prägen und beeinflussen das Leben jedes Menschen, ohne Ausnahme. Als Gegenpol kennen wir das Bedürfnis nach Autonomie, Freiheit und Individualität. Im Spannungsfeld zwischen diesen Grundbedürfnissen liegt die Ursache für jede Menge Zoff, Störungen und Probleme.

Das Gefühl der Zugehörigkeit und der Bindung ist ein existenzielles Bedürfnis. Um es zu erleben, geben wir unser letztes Hemd und verstricken uns in das Wertesystem unserer Herkunftsfamilie. Viele Schuldgefühle haben hier ihren Ursprung: «Du gehörst zu uns, wenn du unsere Erwartungen erfüllst. Tust du es nicht, gehörst du nicht zu uns.»

Das wird selten ausgesprochen, aber es wirkt in unserem Unterbewusstsein. Dabei ist es nichts weiter als eine leere Drohung: Jeder ist und bleibt Teil seiner Familie, unabhängig davon, was er getan oder gelassen hat. Die Zugehörigkeit zu seiner Familie muss sich niemand verdienen. Man hat sie und kann sie durch nichts verlieren.

Die Sehnsucht nach dem WIR-Gefühl ist eine kindliche. Vielleicht haben wir es als Kinder nicht erlebt, oder wir bekamen nicht genug davon. Vielleicht fühlten wir uns ausgestossen, als fünftes Rad am Wagen. Wurden von unseren Eltern nicht gesehen. Fühlten uns nicht sicher, niemals. Standen mit grossen Augen und leerem Teller am Buffet und wurden nicht bedient. Alle waren eingeladen, nur wir nicht.

Lieber fahren wir den Karren an die Wand, als dass wir die Hoffnung aufgeben, doch noch irgendwie dazuzugehören.

Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt, und so hoffen wir weiter, obwohl wir längst erwachsen sind. Das kann so weit gehen, dass wir uns mit der Herkunftsfamilie im Leid oder im Scheitern verstricken. Lieber fahren wir den Karren an die Wand, als dass wir die Hoffnung aufgeben, doch noch irgendwie dazuzugehören. Es ist das magische Denken des Kindes, das sagt: «Euch allen ist das Leben nicht gelungen, also soll es mir auch nicht gelingen, dann gehören wir zusammen.»

Die Hoffnung, das Ersehnte doch noch zu bekommen, ist nicht mehr zu erfüllen, weil wir nicht mehr Kinder sind.

Wir tun das nicht bewusst. Die wenigsten Menschen sagen zu ihren Vorfahren: «Ihr wart alle krank/drogensüchtig/bankrott/einsam, also will ich das auch sein, damit ich zu euch gehöre.» Diese Verstrickungen sind unbewusst, doch sie prägen unser Leben und steuern den Fluss der Energie. Sie kosten uns das Rückgrat, wenn wir aus Loyalität zur Herkunftsfamilie oder in der kindlichen Hoffnung auf ihren Segen nicht dem Ruf unseres Herzens folgen. Wenn wir statt eines grossen lieber ein kleines Leben leben, um nicht aus der Reihe zu tanzen und niemanden vor den Kopf zu stossen. Wenn es uns nicht besser gehen darf als der Familie, der wir uns um jeden Preis zugehörig fühlen wollen.

Der Weg in die Freiheit beginnt mit der Annahme dessen, was ist, unabhängig davon, ob es uns gefällt oder nicht.

Die Hoffnung, das Ersehnte doch noch zu bekommen, ist nicht mehr zu erfüllen, weil wir nicht mehr Kinder sind. Es ist vorbei. Das mag uns nicht gefallen, aber es ist so. Der Weg in die Freiheit beginnt mit der Annahme dessen, was ist, unabhängig davon, ob es uns gefällt oder nicht.

Was die Zugehörigkeit betrifft: Sie kann uns nicht aberkannt werden. Wir sind und bleiben Teil der Familie, aus der wir stammen, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Was das WIR-Gefühl betrifft: Wenn du dich immer noch danach sehnst, lass alle Hoffnung fahren. Niemand kann dir jetzt noch geben, was du als Kind vermisst hast. Doch jetzt ist eine andere Zeit. Jetzt bist du erwachsen und kannst selbst für dich sorgen.

Die Hoffnung fahren lassen heisst übrigens nicht, dass wir niemals Verbundenheit mit anderen Menschen erleben werden. Es heisst nur, dass wir den kindlichen Anspruch aufgeben, etwas zu bekommen, das in unsere Vergangenheit gehört.

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