Die Aufräumerin

Schluss mit lustig: Christine Andrey hilft fremden Leuten beim Aufräumen.

Ein unscheinbares Reiheneinfamilienhaus im charmanten Berner Breitenrain. Hier wohnt Christine Andrey mit Mann und Kater, und natürlich ist aufgeräumt.

Bei ihr ist immer aufgeräumt.

«Wer im Chaos lebt, lebt in der Vergangenheit.»

Christine Andrey ist Aufräumerin aus Leidenschaft. Es ist ihr Beruf. Sie verhilft anderen Leuten zu mehr Ordnung – im Haus, in der Wohnung oder im Büro. Wer seinen Kram in Ordnung hält, hat auch mehr Ordnung im Leben, sagt sie, denn: «Wer im Chaos lebt, lebt in der Vergangenheit».

Aber gehen wir der Reihe nach.

Christine Andrey, was bedeutet dir Ordnung?

Wenn ich Ordnung habe, bin ich ganz bei mir. Ich bin gedanklich konzentrierter und effizienter. Wenn ich jederzeit weiss, wo sich was befindet, bin ich Herrin und Meisterin in meinem Haus. Dann fühle ich mich innerlich ruhig – und frei, weil ich nicht suchen muss. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, wo der Autoschlüssel ist. Er ist dort, wo er immer ist.

Warst du schon immer ordentlich?

Ja, schon immer. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die auch so war. Sie ist jetzt über siebzig und mistet immer noch aus. Sie sagt, sie wolle nicht, dass ich dereinst ihren alten Kram entsorgen müsse.

(An dieser Stelle erscheint vor meinem geistigen Auge das Bild der gut gefüllten Dreizimmerwohnung meiner betagten Mutter, die sagt: «Ach, ich lasse jetzt alles, wie es ist, und wenn ich nicht mehr da bin, könnt ihr damit machen, was ihr wollt.» Danke, Mama!)

Ich bin mit Ordnung gross geworden. Wir hatten eine kleine Wohnung, da war kein Platz für Überflüssiges. Ich hatte immer Ordnung, auch in meinem Pult in der Schule. Ich kenne es nicht anders. Zum Glück ist mein Mann auch so.

Und deine Kinder? Sind die auch ordentlich?

Jetzt schon, aber früher nicht. Ich musste immer die Tür zu machen, wenn Besuch kam.

Wie hält man das aus?

Das war manchmal schwierig. Als die Kinder klein waren, mussten sie immer am Sonntag aufräumen, und als Teenies auch. Sie durften sonntags nicht aus dem Haus, bis aufgeräumt war. Als sie etwa achtzehn waren, wurde es anstrengend. Sie lehnten sich auf und sagten, es sei ihre Sache, wie es in ihren Zimmern aussehe. Ich wollte keinen Krieg mit meinen Kindern, also machte ich einfach immer die Tür zu, damit ich das Chaos nicht sehen musste. Irgendwann stand ich dann auch einmal im Türrahmen und sagte: Solange ihr unter meinem Dach wohnt, will ich, dass hier Ordnung ist. Weisst du, was sie taten? Sie stopften alles unters Bett.

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Wie hast du deine Berufung als Aufräumerin gefunden?

Ordnung ist meine Leidenschaft. Schon als ich jung war, kamen die Leute zu mir und sagten: Hilfst du mir aufräumen? Du kannst das doch so gut! Ich mache das wahnsinnig gerne, aber ich kann nur mit Menschen arbeiten, die auch wirklich wollen, sonst macht es mir keine Freude. Ob die Leute wollen oder nicht, spüre ich bei der Bedürfnisabklärung. Dort stelle ich auch bestimmte Fragen, und an den Antworten merke ich schnell, ob es jemandem ernst ist.

Wer kommt zu dir? Was sind das für Menschen, die dich engagieren?

Es sind Menschen, die etwas verändern wollen. Manche ziehen um oder wollen mit etwas abschliessen. Kürzlich war ich bei einem Mann, der vor dem Umzug ins Altersheim stand. Seine Frau war schon dort, und nun galt es den Haushalt aufzulösen. Mit seiner Tocher war das nicht möglich, weil sie keine Geduld mit ihm hatte. Gemeinsam gingen wir seinen Besitz durch, und er erzählte mir, was ihm dazu einfiel. Am Ende kannte ich seine gesamte Lebensgeschichte. Das war seine Art, Abschied zu nehmen: Er wollte all seine Sachen noch einmal in die Hand nehmen, seinen Kommentar dazu abgeben und konnte sie dann hergeben.

«Ich will nicht bei den Leuten aufräumen, sondern ihnen helfen, es selbst zu tun.»

Wie kommst du zu deinen Klienten?

Als ich mich selbstständig machte, schrieb ich unter anderem Psychologen und Psychiater an und stellte mein Angebot vor. Da bekam ich mehrere Feedbacks, vor allem von Frauen, die das toll fanden. Und nun schickt man mir immer wieder Interessenten. Wichtig ist einfach, dass die wollen. Wenn jemand von Amtes wegen zum Ausmisten verknurrt wird und das Amt die Kosten übernimmt, funktioniert das für mich nicht. Die Menschen tun es dann nicht aus eigenem Antrieb, und dann fehlt das Feuer. Ich will ja nicht bei den Leuten aufräumen, sondern ihnen helfen, es selbst zu tun.

Aufräumen befreit. Das weiss jeder, der es mal gemacht hat. Warum ist das so?

Wenn man aufräumt, tun sich neue Wege auf. Man räumt auch innerlich auf, gedanklich, ist offener für neue Beziehungen oder für eine neue Arbeit. Das merke ich oft bei meinen Klienten. Manchen sehe ich es regelrecht an, dass sie sich befreit fühlen, zum Beispiel nach Trennungen, wenn sie endlich einen Strich unter die Vergangenheit ziehen und auch die alten Sachen loslassen. Ich hatte einmal eine Klientin, die sich von ihrem Mann getrennt hatte und mich zum Aufräumen engagierte. Zu Anfang wirkte sie bedrückt und schwerfällig, aber schon bald veränderte sich ihre Körperhaltung, sie ging allmählich schneller und bewegte sich mit mehr Schwung, und als wir fertig waren, sagte sie zu mir: «Weisst du, ich bin so froh, dass ich diesen Schritt endlich machen konnte. Jetzt kann ich mir wieder eine Zukunft vorstellen.»

«Wenn man etwas Neues anfangen will, zum Beispiel nach einer Trennung, braucht es nicht nur die innere Bereitschaft. Es muss sich auch im Aussen manifestieren.»

Dann empfiehlt es sich aufzuräumen, wenn man neuen Schwung in seinem Leben möchte?

Ja, unbedingt. Gerade wenn man älter wird und immer noch all die alten Sachen von früher hat, kann einen das blockieren. Dann fällt es einem schwer, sich neu zu orientieren. Ich glaube, wenn man etwas Neues anfangen will, zum Beispiel nach einer Trennung, braucht es nicht nur die innere Bereitschaft. Es muss sich auch im Aussen manifestieren. Eine Kundin, mit der ich das Haus aufgeräumt hatte, schrieb mir nach etwa einem halben Jahr, sie habe jemanden kennengelernt, nachdem sie mehrere Jahre allein gewesen war. Sie ist überzeugt, dass das Aufräumen mit der Vergangenheit eine Voraussetzung dafür war. Sie hat damit einen Strich unter das Vergangene gezogen, und so konnte etwas Neues kommen.

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Die Spitzenreiter der Ballaststoffe?

Bücher, Geschirr, Textilien, Zeitungen und Zeitschriften, die man irgendwann noch lesen will, Frustkäufe, Geschenke von anderen, Ferienerinnerungen, Deko-Artikel und Erbstücke.

Wovon trennt man sich am leichtesten? Wovon am schwersten?

Den meisten fällt es schwer, sich von Geschenken und Erinnerungsstücken zu trennen. Ich habe einen Klienten, der ist wahnsinnig belesen und hortet Berge von Zeitungen, die er noch lesen will. Er tut sich sehr schwer mit dem Ausmisten, weil er fürchtet, etwas Wichtiges wegzuschmeissen. Manche Klientinnen haben grosse Mühe, sich von Kleidern, Taschen oder Schuhen zu trennen, vor allem, wenn sie teuer waren. Geschirr und Küchenwaren dagegen können die meisten gut loslassen, so lange es keine Erbstücke sind.

Gibt es typische Fehler, die man macht beim Ordnungsmanagement?

Ich erlebe oft, dass ein Mensch nicht Herr in seinem Haus ist und nicht weiss, wo sich bestimmte Sachen befinden. Das geschieht, wenn man Dinge immer wieder woanders versorgt. Man sucht eine Wärmflasche, findet sie nicht und kauft eine neue. Und beim Aufräumen kommen dann acht bis zehn Wärmflaschen zum Vorschein. Das gibt’s. Auch Hamsterkäufe sind problematisch: Wer von allem drei für zwei kauft, verliert schnell die Übersicht.

«Es ist absolut in Ordnung, viele Schuhe zu haben. Oder viele Bücher. Oder eine Porzellansammlung. So lange man seine Sachen findet und genug Platz hat, sehe ich kein Problem.»

Was ist überhaupt eine gute Ordnung?

Das muss jeder selber wissen, da gibt es kein Richtig oder Falsch. Es ist absolut in Ordnung, viele Schuhe zu haben. Oder viele Bücher. Oder eine Porzellansammlung. So lange man seine Sachen findet und genug Platz hat, sehe ich kein Problem. Wenn du allerdings nicht nicht mehr weisst, was du alles hast, kaufst du Dinge mehrfach. Und irgendwann hast du es nicht mehr im Griff. Da wächst einem der Alltag schnell über den Kopf. Manche Leute können niemanden mehr einladen, weil alle Sitzgelegenheiten von Stapeln besetzt sind. Das habe ich tatsächlich schon erlebt.

Sicher kann man es auch übertreiben mit der Ordnung.

Auch das ist relativ. Es gibt Menschen, die es ganz genau nehmen. Ich habe manchmal Klientinnen, die wollen die Fadenspulen im Nähkorb nach Farben sortiert haben. Das kann man natürlich machen, aber für mich ist das jetzt weniger wichtig.

Wo fängt man am besten an? Im Estrich? Im Keller? Mit dem Kleiderschrank?

Ich frage die Leute immer, was ihnen am wichtigsten ist. Mir persönlich ist Ordnung und Klarheit im Schlafzimmer wichtig, damit man dort seine Ruhe hat und nicht unter dem Bett noch verstaubte Turngeräte hortet oder jeden Abend vor dem Schlafengehen brechend volle Bücherregale anschauen muss. Manchen Menschen ist das Büro ein grosses Anliegen, wenn sie keinen Überblick mehr haben über ihren Zahlungsverkehr. Generell kann man sagen: Wir fangen dort an, wo es die Menschen am meisten drückt.

«Allem einen festen Platz geben, das ist das A und O.»

Angenommen, ich habe ausgemistet und tipptopp aufgeräumt. Was muss ich tun, damit es so bleibt?

Du musst allen Sachen eine Heimat geben, sie immer wieder an denselben Platz zurück bringen, dann musst du nie mehr aufräumen. Beispiel: Du kaufst dir ein Inhaliergerät, weil du gerade erkältet bist. Dann überlegst du dir: Wo tue ich das hin? Und du denkst: Ah, da habe ich dieses Fach, wo schon die Wärmflasche drin ist, da passt das Inhaliergerät hin. Und wenn ich das Gerät nicht mehr brauche, bewahre ich es dort auf. Man sollte sich bei allen Neuanschaffungen sofort überlegen, wo ihr Platz ist. Wo, ist egal, so lange du es wiederfindest. Das kann man sich angewöhnen. Allem einen festen Platz geben, das ist das A und O.

Christine Andrey gibt Referate zum Thema Loslassen – auch im kleinen Kreis. Dabei informiert sie über ihr 4-Kisten-System und gibt viele gute Tipps zum richtigen Aufräumen. Mehr Infos gibts auf ihrer Website.

TV-Auftritt bei AESCHBACHER im Dezember 2011

 

Comments (1)

  1. Isabelle Chatelain 22. Juli 2016 at 16:18

    Super Artikel! Frau Andrey bringt es auf den Punkt – so macht Ordnung erst richtig Sinn!

    Werde dieses Weekend auf jeden Fall hinter meine alten Bücher!

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