Bitte verzeih mir!

Wer den andern um Verzeihung bittet, verstrickt sich tiefer in der Schuld. Nicht logisch? Doch.

Bei Adam und Eva hängt der Haussegen schief. Adam hat Eva auf der Betriebsfeier mit einer Arbeitskollegin betrogen und Eva hat es herausgefunden. Adam redet sich darauf hinaus, dass Eva dauernd mit den Kindern beschäftigt ist und er sich vernachlässigt fühlte. In gewissem Sinne, findet er, trifft Eva eine Mitschuld.

Davon will Eva natürlich nichts hören. Sie empfindet es als Unverschämtheit, dass Adam sie betrügt und ihr dann auch noch die Schuld in die Schuhe schieben will.

Adam hat ein schlechtes Gewissen – und er hat Schiss, dass Eva ihn rauswirft. Also kauft er einen gigantischen Blumenstrauss, fällt vor Eva auf die Knie und bittet sie um Verzeihung. Vergeblich: Wutentbrannt schmeisst Eva die Blumen in den Müll, packt die Koffer und zieht mitsamt den Kindern zu ihrer Mutter.

Adam ist ratlos. Er hat sich entschuldigt – was will sie denn noch?

Das wichtigste Prinzip ist die Selbstverantwortung

Im Leben jedes erwachsenen Menschen gibt drei Verantwortlichkeiten:

  • Selbstverantwortung: Ich allein bin verantwortlich für mein Leben
  • Die Verantwortung für leibliche, nicht erwachsene Kinder
  • Die Verantwortung für alle Vereinbarungen, die ich als erwachsener Mensch treffe

Eine weitere Verantwortlichkeit ist jene für das Leben auf übergeordneter Ebene, indem man beispielsweise in den See springt, um einen Ertrinkenden zu retten, sofern man dazu imstande ist, ohne sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen.

Das wichtigste Prinzip ist die Selbstverantwortung. Adam hat entschieden, seine Frau zu betrügen, aus welchen Gründen auch immer. Dafür ist er zu 100 Prozent verantwortlich.

Der Ausgleich muss hergestellt werden

«Rache ist süss», heisst es, und Rache bedeutet nichts anderes als Ausgleich: Der andere hat mir etwas angetan, und nun tue ich ihm etwas an, damit wir quitt sind. Und weil ich mich im Recht fühle, tue ich dem anderen etwas mehr an als er mir. Damit ermuntere ich den anderen, mir wiederum etwas anzutun, weil auch er nun den Ausgleich sucht. So schaukelt sich dieser «Ausgleich im Schlimmen» immer weiter hoch. Was dabei herauskommt, lesen wir jeden Tag in der Zeitung, regelmässig auch im Politik-Teil.

Nicht der Täter bestimmt den Preis für den Ausgleich, sondern das Opfer.

Wenn Adam seine Frau um Verzeihung bittet, sinkt er tiefer in die Schuld, denn erstens hat er sich schuldig gemacht, indem er Eva betrog, und zweitens will er jetzt etwas von ihr, nämlich, dass sie ihm verzeiht. Eva soll ihm also etwas geben.

Das kann Eva natürlich machen, doch wenn sie Adam grosszügig verzeiht, ohne eine Gegenleistung (den Ausgleich) zu verlangen, schadet sie der Beziehung. Das Bedürfnis nach Ausgleich bleibt nämlich bestehen, und Adam bekommt keine Gelegenheit, etwas wiedergutzumachen. Eva stellt sich über ihn; sie befinden sich nicht mehr auf Augenhöhe.

Was ist ein angemessener Ausgleich?

Nun fragt man sich: Was wäre denn ein angemessener Ausgleich? Die Blumen offenbar nicht.

Der systemische Coach rät Adam folgendes: «Frag sie. Frag deine Frau, was du tun kannst, damit die Sache wieder ins Lot kommt.» Nicht der Täter bestimmt den Preis für den Ausgleich, sondern das Opfer. Und der Preis muss den Täter etwas kosten.

Der Austausch im Guten beginnt, wenn man dem andern aus Liebe etwas weniger Böses antut.

Gleiches mit Gleichem vergelten? Kann man machen: Wenn Eva sowieso schon lange damit liebäugelte, die Einladung des unverschämt gut aussehenden Nachbarn anzunehmen und mit ihm ein aufregendes Wochenende zu verbringen, kann sie das jetzt zum Ausgleich einfordern.

Es kann aber auch sein, dass Eva etwas ganz anderes will – zum Beispiel, dass Adam sie auf eine Reise begleitet, gegen die er sich seit Jahren sträubt, oder ihr eine Ausbildung finanziert mit dem Geld, das er für seinen neuen Porsche zusammengespart hat.

Adam soll zwar büssen, aber nicht so sehr, dass er den Ausgleich als unangemessen empfindet und seinerseits auf Rache sinnt. Damit beginnt der Austausch im Guten: Wenn man dem andern aus Liebe etwas weniger Böses antut.

Mehr über systemische Grundkräfte und Ordnungsprinzipen erfährt man im systemischen Coaching.

Lektüre

Bert Hellinger: Die Ordnungen der Liebe

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