So spricht doch kein Mensch

Kein Mordkomplott ist so grauenvoll wie manche Dialoge. Hätte man doch bloss jemanden gefragt, der sich damit auskennt.

Zum Thema «Gute Dialoge schreiben» liefert Google derzeit ungefähr 340’000 Ergebnisse in 0,42 Sekunden. Ich könnte also Google befragen. Oder den Schriftsteller Hansjörg Schertenleib.

Er gibt nämlich Kurse zum Thema «Gute Dialoge schreiben», zum Beispiel unter dem Dach der Schreibszene. Ich war dabei und habe viel gelernt. Einen Teil davon gebe ich hier, wie es sich gehört, als Dialog wieder. Die Geschichte ist frei erfunden, Annette ist nicht ich, und Tobias ist nicht Hansjörg Schertenleib. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Der Dialog: ein Beispiel

Annette war genervt. Sie arbeitete an ihrem Buch und würgte seit Stunden an einem Dialog, der ihr einfach nicht gelingen wollte. Genau genommen war es nicht nur dieser: Die meisten Dialoge in ihrem Werk klangen gekünstelt und konstruiert – einfach total unnatürlich. Sie wusste selbst, dass es Bruch war, was sie da schrieb. Die Idee, den Plot, fand sie nach wie vor gut, aber mit der Umsetzung tat sie sich schwer. Annette war frustriert, schon seit längerem, aber heute ganz besonders. Sie hatte sich den Tag frei genommen und hatte wenigstens ein Kapitel fertig schreiben wollen, doch davon war sie weit entfernt. In einer Stunde kamen die Gäste, und es war noch nichts vorbereitet.
«So spricht doch kein Mensch – das klingt ja wie ein Schweizer Tatort», regte sie sich auf. «Sag du doch mal was!»
Sie drehte sich um zu Tobias, der auf dem Sofa lag und einen Krimi las.
«Was soll ich sagen?» Tobias blickte auf.
«Na, irgendwas Hilfreiches, zum Beispiel, wie man es hinkriegt, gute Dialoge zu schreiben. Du weisst das doch, oder?»
Tobias wusste es in der Tat. Er hatte schon zwei Romane veröffentlicht, die sich zur Freude aller Beteiligten gut verkauften, und der kommerzielle Erfolg erlaubte es ihm, sich nun Schriftsteller zu nennen und davon leben zu können. Was Annette betraf, so hütete er sich, ihr gute Ratschläge zu geben, wenn er nicht darum gebeten wurde. Was jetzt allerdings der Fall war.
«Was möchtest du denn wissen?», fragte er vorsichtig.
«Worauf es ankommt, will ich wissen», sagte Annette ungeduldig. «Es gibt doch bestimmt ein Rezept, das man anwenden kann, um gute Dialoge zu schreiben. Hättest du die Güte, es mir zu verraten?»
Tobias versuchte die Lage einzuschätzen. Er erinnerte sich lebhaft an das letzte Mal, als sie seinen Rat wollte. Sie hatte ihm einen Auszug aus ihrem Text gezeigt und ihn nach seiner Meinung gefragt. Er hatte ihr gesagt, was er davon hielt. Und das war’s dann gewesen. Es hatte in Grundsatzdiskussionen gemündet, irgendwas über Männer und Frauen generell und im Speziellen darüber, dass er ihr literarisches Schaffen nicht würdigen könne, weil er zu sehr von sich eingenommen sei. Wie auch immer. Er hatte danach auf dem Sofa geschlafen. Dabei hatte er es gar nicht böse gemeint. Er hatte ihr helfen wollen, aber das war gründlich in die Hosen gegangen. Nichts zu sagen war jedoch keine Option, denn dann würde er vermutlich wieder auf dem Sofa schlafen. Diplomatie war gefragt. Tobias legte das Buch weg und setzte sich auf. Meta-Ebene, sagte er sich, bleib auf der Meta-Ebene und sag was Allgemeines, bloss nicht persönlich werden. Obwohl: Persönlich wurden Diskussionen mit Annette jeweils von ganz allein, Meta hin oder her.
«Ich glaube, um gute Dialoge schreiben zu können, muss man etwas wissen über die Funktion der Dialoge in einer Geschichte.» Er hoffte, den richtigen Ton zu treffen. «Dialoge sind entscheidend dafür, dass eine Figur zum Leben erweckt wird. Sie charakterisieren die Figur. Es ist wichtig, dass die Sprache, die eine Figur spricht, zu ihr passt.»
«Und was heisst das?»
«Das heisst, dass die Sprache authentisch sein muss. Die Figuren in einer Geschichte haben ein Eigenleben. Sie sind nicht meine Botschafter. Ich muss mir bewusst machen, dass nicht ich durch sie spreche, sondern sie selbst sprechen lassen. Vielleicht ist das der schwierigste Teil der Sache: Als Autor muss man eine Distanz zu seinen Figuren wahren und ihnen erlauben, sich so auszudrücken, wie es ihnen entspricht.»

Leitplanken für gute Dialoge

Wie die Geschichte weitergeht, könnt ihr euch selbst ausdenken. Ich fasse hier zusammen, was ich aus dem Seminar mitgenommen habe:

  • Figuren dürfen nicht flach bleiben. Dialoge charakterisieren die Figur. Spricht sie viel oder wenig? In ganzen Sätzen oder nicht?
  • Wichtig: Gerüche und Taktiles! Beschreibe, was die Figuren gerne oder nicht gerne anfassen oder riechen. Beschreibe, was die Figur wahrnimmt, auch im Aussen.
  • Schwellensätze sind wichtig (Bewegungen oder Geräusche). Wenn du solche Elemente einbaust, muss es dafür immer einen Grund geben, denn sie verändern den Dialog.
  • Es ist ok, viel «sagte» zu verwenden. Das wissen wir aus den «American Short Stories».  Zu viel Abwechslung (er entgegnete, sie erwiderte usw.) wirkt so, als wolle man als Autor/in zeigen, welch grossen Wortschatz man hat. Und es lenkt ab vom Wesentlichen.
  • Ordnung (Zuordnung der Sprecher) musst du am Anfang eines Dialogs schaffen, aber nicht bei jedem Satz. Du muss nicht jedes Mal sagen, wer was sagt.
  • Als Autor/in musst du dich entscheiden: Wie legst du deine Dialoge aus? Alltagssprache, natürlich? Viele Figuren «sprechen» über ihrem Niveau. Sprache muss authentisch sein. Das soziale Umfeld ist wichtig. Das soziale Gefüge einer Figur beeinflusst ihr Gefühlsleben und damit ihre Sprache. Eine Mutter oder ein Vater beispielsweise spricht anders als jemand, der keine Kinder hat.
  • Als Autor/in musst du in jeder Situation wissen, was du schreibst. Es darf auch mal kitschig werden, aber das muss dir bewusst sein.
  • Du musst dir im klaren sein über dein erzählerisches Programm und beispielsweise entscheiden, ob du Löcher im Text offen lässt. Was überlässt du dem Leser? Wie viel willst du  beschreiben? Leser/innen dürfen mitarbeiten, wenn nicht jedes Detail im Text beschrieben ist. Du musst entscheiden, ob du ausführlich oder reduziert schreibst. Es muss aber klar sein, dass du als Autor/in weisst, was du tust.
  • Leser/innen werden hellhörig, wenn der Autor ihnen sagt, was sie zu denken haben («jetzt wird es geschäftsmässig/romantisch/gefährlich» usw.). Änderungen der Stimmung musst du nicht unbedingt so ankündigen, sondern beschreiben.
  • Als Autor/in solltet du nicht darauf aus sein zu zeigen, was du (sprachlich) alles kannst. Distanz zum eigenen Stoff ist wichtig. «Murder your darlings», lautete die Devise. Manchmal musst du Passagen streichen, die du für besonders gelungen hältst, die aber der Geschichte nicht dienen.
  • Wichtig in Dialogen: das Machtgefüge. Wer hat mehr Macht? Wer ist oben, wer unten? Wer führt den Dialog? Sind die Figuren einander ebenbürtig?
  • Die Erzählinstanz soll nicht kommentieren, sondern erzählen! Die Erkenntnis kommt dem Leser mit dem Lesen. Der Autor muss nicht alles erklären oder beschreiben. Beispiel: Wie vergeht die Zeit? Wie schreibt man das, ohne zu erwähnen, dass so und soviel Zeit vergangen ist?
  • Stilelemente bewusst einsetzen. Du musst immer wissen, was du machst und warum. Auch Helvetismen sind ein Stilmittel und können als solches eingesetzt werden.
  • Schuhlöffelsätze können ein Einstieg in den Dialog sein. Oft braucht es sie aber nicht, oder wenn, dann nur zum Schreiben (und später weglassen).
  • Zum Nachdenken: Soll man beim Schreiben schon ans Zielpublikum denken? Die Frage ist nicht abschliessend zu beantworten, aber darüber nachdenken kann man ja.

Hansjörg Schertenleib ist übrigens einer, der in seine Bücher viele Landschaftsbeschreibungen einfliessen lässt. Er weiss, was er tut, und er kennt den Preis dafür: «Pro Landschaftsbeschreibung fünfhundert Leser weniger», hat er uns erzählt. Auch an so etwas sollte man denken, wenn man einen Bestseller schreiben will.

Lektüre

Sol Stein: Über das Schreiben
Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis
Hansjörg Schertenleib: Das Regenorchester

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