Bühnenreif

Die Berner Choreografin Nina Stadler probte mit 40 Statisten den Aufstand. Mutig, mutig.

Dmitri Shostakovichs Sinfonie Nr. 11 ist keine leichte Kost, weder für das Publikum, noch für das Orchester. Das Thema der Sinfonie ist die kritische Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Petersburger Blutsonntags im Januar des Jahres 1905. Damals demonstrierten  Zehntausende von Arbeitern in St. Petersburg friedlich für menschenwürdigere Betriebsbedingungen, Agrarreformen, Abschaffung der Zensur und religiöse Toleranz. Soldaten des Zaren schossen in die Menschenmenge, von bis zu 1000 Toten ist die Rede, tatsächlich waren es wahrscheinlich weniger; dramatisch war es allemal.

Ein multimediales Konzertprojekt

Der russische Komponist Dmitri Shostakovich setzte mit seiner 11. Sinfonie diesen Ereignissen ein Denkmal. Seine Musik ist der Kern von TOCSIN, einer Inszenierung der besonderen Art. Die Idee dazu hatte der Dirigent Droujelub Yanakiev, künstlerischer Leiter des Variaton Projektorchesters. Das unkonventionelle und experimentierfreudige sinfonische Orchester erarbeitet einmal pro Jahr ein Konzertprojekt, in dem verschiedene Musikstile oder Kunstformen aufeinander treffen. Bei TOCSIN sind dies Musik, Film und… Wie soll ich sagen – Tanz?

Es ist nämlich so: Droujelub Yanakiev fragte die Tänzerin und Choreografin Nina Stadler, ob sie Lust hätte, eine Massenperformance für TOCSIN einzustudieren – nicht mit Profis, sondern hauptsächlich mit Laien. Also mit Frauen und Männern jeden Alters, mit beweglichen und weniger beweglichen, grossen und kleinen, schlanken und fülligen und, was die Bühnenerfahrung betrifft, mit Frischlingen und alten Hasen.

«Das kommt gut.»

Nina Stadler ergriff die Gelegenheit, etwas zu machen, was sie in dieser Form noch nie gemacht hatte. Sie und rund 40 Statistinnen und Statisten (oder, wie man heute sagt, «Performer») trafen sich alsbald zur Probe in einer Turnhalle, und danach wusste Nina Stadler: «Das kommt gut.»

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Filmemacher Matthias Günter bei den Proben zu TOCSIN.

Ich war eine der 40 und wollte von Nina Stadler wissen, wie sie das macht, warum sie es macht, was der Tanz ihr bedeutet und ob sich die Mühe lohnt.

Wie macht man das, mit 40 Laien ein Stück auf die Bühne bringen, und dann gerade dieses Stück, mit einer Musik, die ja nun nicht wirklich gefällig ist?

Die Musik ist das Programm, sie gibt viel vor und bildet die Grundlage für die Inszenierung mit den Statisten. Ich nutze die Musik als Inspiration: Sie gibt mir die Ideen für die Elemente der Choreografie, das passiert sozusagen intuitiv. Hilfreich und konstruktiv sind auch die intensiven Diskussionen mit dem Filmemacher Matthias Günter. Gemeinsam haben wir das Gesamtkonzept für Bühne und Film erarbeitet.

Die enge Zusammenarbeit zwischen uns ist wichtig; Matthias Günter ist auch bei den Proben mit den Statisten dabei. Dort probiere ich bestimmte Elemente aus, beobachte und entscheide dann, was wie umgesetzt wird. Für mich ist es total spannend zu sehen, wie sich die Masse bewegt und wie eine einzelne Bewegung wirkt, wenn alle sie machen. Dieselbe Bewegung kann völlig unspektakulär sein, wenn nur ein Einzelner sie ausführt, aber wenn vierzig Leute dasselbe tun, hat das plötzlich eine ungeheure Wirkung. Das gilt ja auch für die Revolution, das Thema der Aufführung: Ein Einzelner kann keinen Aufstand machen, dazu braucht es eben eine gewisse Masse. Und natürlich einen, der anfängt.

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Dirigent Droujelub Yanakiev bei den Proben zu TOCSIN.

Wäre es nicht einfacher gewesen, ein solches Projekt mit eingängigerer Musik zu realisieren? Mit etwas Bekannterem vielleicht?

Die Musik stand ganz am Anfang und nie zur Debatte. Sie war die Wahl des Dirigenten Droujelub Yanakiev, sein «Baby» sozusagen, das er gedanklich schon lange mit sich herum trug. Wir haben bei verschiedenen Projekten sehr gut zusammen gearbeitet, und ich habe ohne Bedenken zugesagt, auch wenn die Musik eher anspruchsvoll ist, übrigens auch für die Musiker. Dmitri Shostakovichs 11. Sinfonie, das spielt man als Musiker nicht alle Tage.

«Jedes Projekt ist existenziell, und genau diese Spannung löst die Kraft aus, die nötig ist, damit man vor dem Publikum überzeugt.»

Die Statisten, das sind 40 Leute, von denen du die meisten vor der ersten Probe nicht kanntest. Mit dieser zusammengewürfelten Truppe willst du dieses Stück auf die Bühne bringen. Kommen da keine Bedenken? Immerhin hast du einen Ruf zu verlieren.

Gespannt war ich natürlich schon vor der ersten Begegnung und fragte mich: Was sind das für Menschen? Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Niveaus um? Ausserdem haben wir relativ wenig Zeit, gerade mal drei Proben plus Orchester- plus Generalprobe in der Dampfzentrale, das ist nicht gerade üppig. Aber nach der ersten Probe war ich sehr positiv überrascht: Die Leute sind total motiviert und arbeiten sehr konzentriert und diszipliniert, fast mehr noch als manche Profis. Alle sind mit grossem physischem Einsatz dabei, und ich bin sicher, dass wir eine tolle Aufführung zustande bringen. Was das Risiko des Scheiterns betrifft: Das besteht immer, wenn man auf die Bühne geht, egal mit wem. Jedes Projekt ist existenziell, und genau diese Spannung löst die Kraft aus, die nötig ist, damit man vor dem Publikum überzeugt.

Mit lauter Laien kann man ja keine tänzerisch anspruchsvollen Elemente einstudieren. Worin liegt der Reiz dieser «Amateurtruppe»? Was kann man aus choreografischer Sicht überhaupt umsetzen?

Für mich liegt der Reiz hauptsächlich im Wechselspiel von Synchronität und Chaos. Manche Elemente der Choreografie leben davon, dass Bewegungen möglichst synchron ausgeführt werden, und dann wiederum bewegen sich alle individuell. Es sind ja auch ganz unterschiedliche Körper, eben keine typischen Tänzerkörper, sondern sehr verschiedene. Schon allein das hat eine Wirkung auf der Bühne, und für mich besteht die Herausforderung auch darin, aus dieser Verschiedenheit dramaturgisches Kapital zu schlagen. Die unterschiedlichen Niveaus sind dann eben kein Nachteil, sondern ein Vorteil für die Inszenierung.

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Das Variaton Projektorchester gilt als unkonventionell und experimentierfreudig und ist bekannt für aussergewöhnliche Produktionen. Was reizt dich an TOCSIN, abgesehen von der Choreografie für die Massenperformance?

Dieses Multimediale finde ich sehr spannend. Bei TOCSIN gibt es die Musik in Form eines Orchesters auf der Bühne, es gibt den Film, der auf eine Leinwand projiziert wird und es gibt die Performance mit den vielen Menschen. Der Fokus wandert vom einen zum andern: Mal sind die Musiker im Mittelpunkt, mal ist es der Film und dann wieder sind es die Performer. Mich interessiert diese Mischung verschiedener Kunstgattungen, die sich auf der Bühne treffen, sozusagen fusionieren, und dabei stets eigenständig bleiben.

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Du hast dem Tanz dein Leben gewidmet, von klein auf, hast viel investiert und viel erreicht. Hätte es auch etwas anderes sein können?

Ich hätte mir auch einen Beruf im Bereich Design oder Malerei vorstellen können, vielleicht etwas Spezielles im Gastgewerbe – auf jeden Fall eine Tätigkeit, die ich mit Leidenschaft ausgeübt hätte. Ein Beruf ohne Leidenschaft wäre für mich nie in Frage gekommen. Das ist heute noch so: Ich tue es ganz oder gar nicht, und bei jedem neuen Projekt gebe ich alles. Damit etwas gut wird, braucht es vollen Einsatz, und halbe Sachen gehen gar nicht. Aus dieser Leidenschaft wächst auch meine Überzeugung, mein Vertrauen, dass das, was ich gerade mache, gut wird und ich damit auf dem richtigen Weg bin.

«Als Tänzerin erzähle ich mit meinem Körper eine Geschichte. Als Zuschauerin darf ich diese Geschichte so verstehen, wie ich will.»

Bestimmt ist sie dir schon oft gestellt worden, die Frage, was dich am Tanzen fasziniert. Was ist es?

Tanzen ist voll und ganz gegenwärtig; ich lebe als Tänzerin immer im Moment und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt. Nur dann habe ich die Kraft, die Fokussierung und die Präsenz, die ich brauche, um auf der Bühne zu überzeugen. Das ist in gewisser Weise auch eine Lebensschule. Ich kann nicht präsent sein, wenn ich an Gestern oder Morgen herumstudiere. Ich muss voll da sein, sonst geht es nicht. Darüber hinaus ist der Tanz ein Ausdrucksmittel für Gefühle; er spielt mit Assoziationen, ist nicht immer eindeutig und lässt viel Spielraum für Interpretation.

Als Tänzerin erzähle ich mit meinem Körper eine Geschichte. Als Zuschauerin darf ich diese Geschichte so verstehen, wie ich will. Der eine sieht das darin, der andere etwas anderes, und es gibt im Grunde genommen kein Richtig oder Falsch. Wenn ich tanze oder choreografiere, will ich zwar in bestimmten Momenten ganz klar und eindeutig sein, aber in anderen lasse ich bewusst offen, was gemeint sein könnte. Im Tanz gibt es diese grosse Freiheit der Interpretation. Die gibt es natürlich auch in anderen Kunstformen, aber im Tanz kommt sie für mich besonders deutlich zum Ausdruck.

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Nina Stadler bei den Proben zu TOCSIN.

Als Tänzerin hast du gewissermassen ein «Verfalldatum». Was kommt danach? Gibt es ein Leben nach der Bühne?

Für mich ist die Choreografie ein wichtiges zusätzliches Standbein, ebenso wie das Unterrichten. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann eine Auszeit zu nehmen und ein halbes Jahr in einer abgelegenen, einfachen Alpenbeiz zu arbeiten. Vielleicht widme ich mich später einmal mehr dem Theater – ich sehe verschiedene Perspektiven für die Zukunft. Letztes Jahr hatte ich einen Unfall und wurde zweimal am Nacken operiert – da kamen schon existentielle Gedanken auf. Ich glaube, man darf sich mit solchen Gedanken nicht verrückt machen, aber man sollte dennoch die Tatsache im Auge behalten, dass man nicht ewig auf diesem Niveau tanzen kann. Und sich überlegen, was danach kommen könnte.

«Man sollte das tun, wozu man sich berufen fühlt und was man mit ganzem Herzen und mit Begeisterung tut.»

Was rätst du jungen Menschen, die sich fragen, ob sie Tänzerin oder Tänzer werden sollen? Lohnt sich die Mühe – und das Risiko?

Tanzen ist für mich die ganz grosse Freiheit, aber es ist zugleich harte Arbeit. Man arbeitet oft bis zur Erschöpfung, und ich persönlich erlebe auch, dass sich Privatleben und Beruf stark vermischen. Das ist nicht immer einfach. Wer sich dazu berufen fühlt und gewillt ist, hart zu arbeiten, sollte es unbedingt probieren. Möglicherweise stellt man unterwegs fest, dass es nicht das Wahre ist – dann kann man immer noch aussteigen und sich anders orientieren. Man sollte das tun, wozu man sich berufen fühlt und was man mit ganzem Herzen und mit Begeisterung tut. Ich glaube, jeder Mensch hat ein solches Talent, und eigentlich ist es schade, dass manche Menschen ihres niemals finden.

Die Aufführungen von TOCSIN fanden am 31. Mai sowie am 1. und 2. Juni 2013 in der Berner Dampfzentrale vor vollen Rängen statt. 

Zusammenfassung von TOCSIN als Video (8.43 min.)

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