«Das Merkmal eines kleinen Menschen ist, dass er hochmütig wird, wenn er merkt, dass man ihn braucht.»

Friedl Beutelrock

Miteinander denken: Die zehn Kernfähigkeiten im Dialog.


IMG 31622 560x373 Miteinander denken: Die zehn Kernfähigkeiten im Dialog.

Die Essenz von Social Media ist der Dialog – und dieser ist die «Kunst des gemeinsamen Denkens», eine Kernkompetenz der lernenden Organisation. Würden wir auch im richtigen Leben eine «dialogische Intelligenz» entwickeln, könnten wir anders miteinander umgehen.

«Wir schlagen vor, gemeinsam zu erkunden, was jeder von uns sagt, denkt, fühlt; darüber hinaus aber auch die tieferliegenden Beweggründe, Annahmen und Glaubensätze, die dieses Sagen, Denken, Fühlen bestimmen.» (David Bohm)

Diskussionen kennen wir alle. Da werden Meinungen und Ansichten vorgebracht, und wer die besseren Argumente hat, gewinnt. Anders im Dialog: Dort geht es darum, Überzeugungen und Haltungen auf den Grund zu gehen, die unterschwellig unsere Interaktionen und Handlungen bestimmen.

Oft genug stellen wir fest, dass in Gesprächen, die wir eigentlich konstruktiv führen wollten, bestimmte Meinungen und Positionen hartnäckig verteidigt werden. Kreative Lösungen, das Denken «out of the box» werden so bereits im Ansatz erstickt. Anstatt gemeinsam zu guten Ergebnissen zu kommen, packen die Leute ihre grossen Egos auf den Tisch und manche fühlen sich gar in ihrer Existenz bedroht, wenn ihre Meinung in Frage gestellt wird.

Meinungen und Glaubenssätze stehen Lösungen im Weg
Wir könnten respektvoller und achtsamer miteinander umgehen, wenn wir eine dialogische Intelligenz entwickeln würden. Wenn wir lernen könnten, unsere eigenen Meinungen und Glaubenssätze zurück zu stellen zum Wohle eines gemeinsamen Ziels, nämlich der Lösung eines Problems oder des gemeinschaftlichen Erfolgs.

Kürzlich besuchte ich das Seminar «Einführung in den Dialog» von Martina und Johannes Hartkemeyer im Campus Muristalden in Bern. Es waren zwei spannende Tage, und heute weiss ich: Es ist UN-HEIM-LICH schwierig, von den eigenen Überzeugungen Abstand zu nehmen und keine Bewertungen vorzunehmen, selbst wenn man sich konzentriert. Wer das nicht glaubt, der sollte es am besten selbst versuchen, und er wird sich wundern. Garantiert.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Dialog ist lernbar. In der Ausbildung zur Dialogprozess-Begleitung (Facilitator) erwirbt man unter anderen die folgenden zehn Kernfähigkeiten:

1. Die Haltung des Lernenden verkörpern: Sie erfordert Offenheit von mir, Anfängergeist und die Bereitschaft, mir einzugestehen, dass ich nichts wirklich weiss.

2. Radikaler Respekt: Ich akzeptiere nicht nur, wer du bist. Ich versuche auch, die Welt aus deiner Perspektive zu sehen.

3. Offenheit: Offenheit entsteht, wenn zwei oder mehrere Personen bereit sind, sich voreinander von ihren eigenen Überzeugungen zu lösen.

4. «Sprich von Herzen»: Ich rede von dem, was mir wirklich wichtig ist, was mich wesentlich angeht. Ich versuche, den Mut zu fassen, mich wirklich zu zeigen.

5. Zuhören: Ich höre so zu, dass der andere Mensch Dinge aussprechen kann, die er sonst nicht ausgesprochen hätte und nicht hätte aussprechen können.

6. Verlangsamung: Wenn ich das Denken beobachten will, muss ich versuchen, es zu verlangsamen. Anders bin ich kaum in der Lage, die Bedeutung des Gedachten und seine Wirkung im Kontext meines Verhaltens aufzuspüren.

7. Annahmen und Bewertungen «suspendieren»: Ich setze mich ständig in Beziehung zu meiner Umwelt und bewerte unablässig. Meine individuellen Glaubenssätze, Interpretationen und Annahmen liefern den Zündstoff für endlose Missverständnisse und Konflikte. Im Dialog lege ich sie offen und suspendiere sie, halte sie in der Schwebe und mache sie sozusagen sichtbar.

8. Produktives Plädieren: Ich kann die Situation nur aus meiner Perspektive sehen, die begrenzt ist durch meine Filter und mein «mentales Modell». Im Dialog lege ich sie offen, lasse die anderen teilhaben an meinen Erkenntnissen und Beobachtungen und berücksichtige ihre Sichtweisen. Gemeinsam werden wir ein Bild gewinnen, das grösser und detaillierter ist als das, zu dem ich alleine in der Lage wäre.

9. Eine erkundende Haltung üben: Die einfache Aussage: «Ich weiss nicht – aber ich möchte gern etwas darüber erfahren» – in einer Haltung von Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit kann optimale Lernmöglichkeiten eröffnen. Wenn ich im Dialog in der Lage bin, meine Rolle als Wissender aufzugeben für das Interesse an dem, was anders ist, als ich es bereits kenne, kann ich «unschuldige» Fragen stellen, aus dem Bedürfnis, etwas wirklich zu verstehen.

10. Den Beobachter beobachten: Indem ich wahrnehme, wie ich alte, ausgetretene Wege vorgefertigter Gedanken gehe, um einen Sinn in das Gehörte zu bringen verändert sich mein Prozess des Antwortens auf natürliche Weise. Beobachtete Gedanken verändern sich.

Weiterlesen:
Miteinander denken. Das Geheimnis des Dialogs M. & J. F. Hartkemeyer; L. Freeman Dhority
Die Kunst des Dialogs. Kreative Kommunikation entdecken Johannes F. und Martina Hartkemeyer
Parzivals Dilemma. Warum echte Fragen selten gestellt werden.

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